Die Individualpsychologie ist eine von Alfred Adler 1908
begründete Form der Tiefenpsychologie. Sie ist eine
gemeinschaftsfördernde, ermutigende, zielgerichtete, sinngebende,
ganzheitliche Psychologie, die den Menschen in eine gesunde
Selbstverantwortung führt. Die Individualpsychologie beschreibt
den Menschen als ganzheitlich nach Geist Seele und Leib. Sein
Verhalten ist stets zielgerichtet, dies ist ihm aber nicht immer
bewusst.
Ein wichtiger Leitsatz von Alfred Adler lautet:
Nicht die Tatsachen bestimmen unser Leben, sondern, wie wir sie
deuten
Begrifflichkeiten der Individualpsychologie:
GANZHEITLICHKEIT
Die Ganzheitlichkeit betont die Unteilbarkeit des Menschen
(individere = unteilbar). Die Unteilbarkeit oder Ganzheitlichkeit
des Menschen vertritt den Ansatz, dass der Körper, der Geist und
die Seele des Menschen, also das Denken, Handeln und Fühlen eine
Einheit darstellen., welche sich wechselseitig beeinflussen. Sie
verwerten die Lebensumstände als souveräne und selbstbestimmende
Macht, ohne dabei biologisch oder durch ihr Milieu bestimmt zu
sein.
Dies steht im Gegensatz zu Freuds Psychologie, der in der
Psychoanalyse den Menschen nicht als rationales, selbstbestimmtes
Wesen versteht, sondern als Enität, die maßgeblich von ihren
Trieben einerseits und den internalisierten moralischen
Anforderungen von Eltern und der Gesellschaft andererseits
bestimmt wird.
LEBENSSTIL, PERSÖNLICHE DEUTUNG
Ganzheitlichkeit drückt sich auch darin aus, dass der Mensch
„ganzheitlich“ durchs Leben geht und nach seinen inneren Deutungen
und gewonnenen Überzeugungen lebt. Er entwickelt in den ersten
Jahren seine ganz persönliche Art und Weise zu leben. Adler nennt
dies den persönlichen Lebensstil. Diesen Lebensstil lebt der
Mensch ganzheitlich und er wird sichtbar in Erinnerungen, in
momentanen Erlebnissen, in Träumen und in seinen Handlungen und
Entscheidungen.
Diese Art und Weise zu leben, entwickelt der Mensch in den ersten
6 Lebensjahren in seiner Herkunftsfamilie. Die
Geschwisterkonstellation, die Beziehung zu Eltern und Geschwister,
der Erziehungsstil, die Familienatmosphäre und die gelebten Werte
tragen zur Entwicklung der Persönlichkeit bei. Die Bewertung des
Erlebten und die persönliche Deutung geben nun dem Lebensstil die
entscheidende Prägung. Dies geschieht unbewusst und auf der
Gefühlsebene. Durch beraterische Begleitung können diese Deutungen
ins Bewusstsein geholt und bearbeitet werden
FINALITÄT
Wenn Adler von der Finalität spricht, meint er die Ziele, die dem
Mensch meist unbewusst sind. Sein Denken und Handeln sind danach
ausgerichtet, obwohl diese Ziele nicht ins Bewusstsein kommen.
Durch Reflexion können diese Ziele bewusst gemacht und
gegebenenfalls korrigiert und angepasst werden. . Alle
Lebensäußerungen haben nicht kausalen, sondern finalen Charakter
und sind auf die Zukunft gerichtet. Adler nannte diese unbewusste
Ausrichtung (unbewusste Fiktion) auf ein Ziel auch Lebensstil,
Lebensplan, Persönlichkeitsideal oder personale Finalität. Kultur,
Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Menschenwürde sah er als
Produkt des evolutionären Vollkommenheitsstrebens des Menschen
GEMEINSCHAFTSGEFÜHL
Adler betont in seiner Theorie die Wichtigkeit des gesunden
Gemeinschaftsgefühls. Der Mensch ist auf Beziehung angelegt. Er
ist auf die anderen Menschen angewiesen und will zu einer
Gemeinschaft dazugehören. Je mehr er sich in der Gemeinschaft mit
anderen Menschen gleichwertig und dazugehörig fühlt, umso mehr
kann er gesunde Beziehungen leben und zur Gemeinschaft aktiv
beitragen. Je weniger Gemeinschaftsgefühl der Mensch entwickelt,
umso mehr muss er sich abgrenzen, sichern und mit Überlegenheit,
Macht, Rückzug oder Aggression reagieren. Das schwache
Selbstbewusstsein darunter wirkt wie ein Motor, der das System von
Minderwert und Überkompensation antreibt.
Aus der Betonung des Gemeinschaftsgefühls, das ein Grundpfeiler
der Individualpsychologie ist, können wir sehen, dass es sich
nicht um eine ungesunde Selbstverwirklichung handelt, sondern um
eine gute Balance zwischen der Einzelperson und der Gemeinschaft.
MENSCHENBILD
Das Menschenbild in der Individualpsychologie besagt, dass alle
Menschen gleichwertig sind. Der Mensch ist ein Entscheidung
treffendes, sozial- und zielgerichtetes Wesen. Der Mensch ist
nicht Opfer, sondern eigenverantwortlicher Gestalter des Lebens.
Er trägt die Ressourcen in sich, zur Familie und zur Gesellschaft
beizutragen. Diese Stärken können durch Ermutigung aber auch durch
ein gutes Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft gestärkt und
gefördert werden.
Einige Aspekte der Individualpsychologie:
- Jeder Mensch ist ganzheitlich (Körper, Seele, Geist gehören
immer zusammen)
- Nicht die Umstände und Symptome sind verantwortlich für unser
Denken und Handeln, sondern die persönliche Deutung davon
- Jeder Mensch hat ein unbewusstes Ziel (=Finalität), welches er
auf unterschiedliche Art und Weise zu erreichen versucht
- Durch die individualpsychologische Erziehung gewinnt ein Kind
Mut, Selbständigkeit, Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühl
- In der Geschwisterkonstellation sucht sich jedes Kind seinen
eigenen Platz